Interview: „Ich war TIGER TOM in der ‚Lindenstraße'“

Werbung
Johannes Scheit (links, spielte „Tiger“ Tom Ziegler) Rechts seine „Serienschwester“ Sophie Ziegler (gespielt von Dominique Kusche)
© Marcel Schenk

Erneut traf unser Redakteur Marcel Schenk einen ehemaligen Lindenstraße-Schauspieler zum Interview. Hier könnt Ihr es nachlesen und wir wünschen viel Spaß dabei.

Marcel Schenk im Gespräch mit Johannes Scheit („Tom Ziegler“)

Marcel: Du bist im Alter von sechs Monaten zur „Lindenstraße“ gekommen, mit der Zeit und den Jahren in deine Rolle hineingewachsen. Wie hat es sich als Kind angefühlt, wenn du nach Bocklemünd aufs Studiogelände gefahren wurdest: Wie war der Weg zur „Zweitfamilie“, der Weg zum Spielen, oder vielleicht doch der Weg zur Arbeit?

Johannes: Wenn ich aus diesen Begriffen auswählen soll, dann ist es wirklich der Weg zum Spielen gewesen für mich. Für uns Kinder wurde am Set der „Lindenstraße“ auch immer ein möglichst schönes Umfeld vorgehalten.

Marcel: Die Serie ist bekannt für ihre gute Kinderbetreuung, ein extra Hort, in dem die Kinderdarsteller während der Drehpausen betreut werden.

Johannes: Nicht nur die Kinderdarsteller, denn mit der Zeit wuchs unsere Kindergruppe nicht nur vor der Kamera, irgendwann kamen auch Kinder der Produktionsmitarbeiter dazu. Wir waren eine richtige Kindertagesstätte mit vier Betreuern.


 

Marcel: Entwickelten sich während dieser Zeit auch Freundschaften? Vielleicht sogar bis heute andauernde?

Johannes: Zu meinen Filmschwestern Dominique Kusche („Sophie Ziegler“) und Julia Stark („Sarah Ziegler“) habe ich bis heute Kontakt. Wir telefonieren ab und zu und versuchen, uns jedes Jahr zu sehen. Das ist nicht immer leicht, jeder von uns hat einen Job und sein eigenes Leben. Aber wir freuen uns immer, wenn es dann doch mal wieder an einem unserer Geburtstage geklappt hat. Es geht dann übrigens weniger darum, was wir früher zusammengedreht haben, sondern um die Person, die einem gegenübersitzt. Das ist sehr schön.

Marcel: Für unzählige Kinder und Jugendliche zählt die Schauspielerei zu den absoluten Traumberufen. Du warst schon vor der Kamera, bevor du diesen Wunsch selbst hättest äußern können. Hat sich die Arbeit vor der Kamera für dich – zumindest zeitweise – auch zum Traumjob entwickelt oder hattest du schon relativ früh einen anderen Beruf ins Auge gefasst?

Johannes: Was ich wirklich beruflich machen wollte, hat sich bei mir relativ spät herauskristallisiert. Als Jugendlicher merkt man langsam, dass die Schauspielerei mehr ist, als einfach nur ein paar Sätze aufzusagen. Es ist ein richtiger Beruf. Auch teilweise ein harter Beruf, mit dem man auf der anderen Seite dann aber auch sein Leben finanzieren kann. Es war lange Zeit eine Art Zweitoption für mich, die ich mir auch offengehalten hatte. Ab einem gewissen Punkt wollte ich aber einen Beruf, der mehr Sicherheit bietet. Es gibt so eine Art Spruch: „wer schauspielern kann, der kann auch kellnern“, aber genau das wollte ich nicht. Es war mir zu unsicher, sich von Schauspieljob zu Schauspieljob hangeln zu müssen und zwischendrin zu kellnern. Die „Lindenstraße“ bot zwar immer recht sichere Engagements und war für Schauspieler ein Glücksgriff, aber ohne eine feste Serienrolle haben es viele Schauspieler schwer. Der Durchschnittsverdienst eines Schauspielers in Deutschland sieht zwar attraktiv aus – und lockt jedes Jahr viele junge Menschen in die Medien – aber in diesem Durchschnitt sind eben auch die wirklichen Top-Gagen der größten Namen drin. Eine Vielzahl der übrigen Schauspieler muss sich von Engagement zu Engagement kämpfen und hat immer wieder Leerlauf dazwischen. Dieses Risiko einzugehen, war ich nicht bereit.

Lindenstraße - Backhaus zeigt Tom Hefte über Ballonfahrten
Backhaus zeigt Tom Hefte über Ballonfahrten – © WDR / GFF

Marcel: Als im Herbst 2018 bekannt wurde, dass die „Lindenstraße“ nicht mehr verlängert wird – war das für dich indirekt eine Bestätigung, rechtzeitig in einen sicheren Job gewechselt zu haben?

Johannes: Ja, irgendwie schon zum Teil. Es gab in der Geschichte der „Lindenstraße“ immer wieder Phasen, in denen wir dachten, es sieht nicht gut aus mit einer Verlängerung, und dann ging es aber auch wieder bergauf und man fühlte sich sicherer. Trotzdem merkte ich, es wird schwer, auf dieser Basis das weitere Leben mit „ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und Kinder kriegen“ zu planen.


 

Marcel: Im Herbst 2018 bist du anlässlich des Serienausstiegs deines Filmvaters Joachim H. Luger („Hans Beimer“) für eine Folge in die „Lindenstraße“ zurückgekehrt. Du hast zahlreiche bekannte Gesichter, mit denen du über viele Jahre vor und hinter der Kamera zusammengearbeitet hast, wiedergesehen. Fühlte es sich für dich, obwohl es nur für einen Gastauftritt war, wie ein „nach Hause kommen“ an?

Johannes: Auf jeden Fall! Mein erster Gedanke vor Ort war dann, und das meine ich nicht negativ, hier riecht es noch genauso wie früher. Nicht auf muffig oder alt bezogen, sondern auf meine Erinnerung an die vielen, früheren Jahre. Ich verbinde häufig Erinnerungen mit den dazugehörigen Gerüchen – und genauso war es bei meiner Rückkehr in die Produktionsgebäude der „Lindenstraße“. Es fühlte sich gut an.

Marcel: Hast du persönlich eine Lieblingsgeschichte aus dem Leben von „Tiger Tom“? Eine Szene, die dir unvergessen bleibt?

Johannes: Ganz klar die Szenen mit Heinz Krückeberg („Walter Backhaus“). Der väterliche Freund von „Tom“, das war eine richtig große, durchgehende Geschichte für meine Rolle und hat mir, unter anderem auch wegen der Fahrt im Heißluftballon, wahnsinnig viel Spaß gemacht.

Marcel: Hättest du dir im Nachhinein auch eine richtige „Skandalgeschichte“ für „Tom“ gewünscht? „Klaus Beimer“ hatte die Nazi-Story, „Lisa“ den Bratpfannenmord…

Johannes: Ich denke, es ist nie leicht, eine derartige Story zu spielen und im Alltag damit umzugehen – speziell, weil in den früheren Jahren manche Zuschauer nicht immer zwischen Fiktion/Rolle und Realität unterschieden haben. Von daher war ich nie scharf darauf, dass meiner Rolle ein echter Skandal auf den Leib geschrieben wird. Als „Tom“ dann anfing zu kiffen und alle typischen Teenagerphasen durchlebte, da war er für viele sicherlich schon anstrengend genug…

Lindenstraße - Tom beichtet Hans seinen ersten Liebeskummer
Tom beichtet Hans seinen ersten Liebeskummer. – © WDR / GFF

Marcel: „Kinder können oft grausam sein“, sagt man. Wie war es während deiner Schulzeit? Wurdest du beneidet um die Arbeit beim Fernsehen oder gab es auch Mobbing und Ausgrenzung?

Johannes: Erspart blieb mir das nicht, auch ich wurde manchmal von Mitschülern aufgezogen, und natürlich gab es die eine oder andere Keilerei auf dem Schulhof. Das gibt es bei Millionen anderer Kinder ohne Fernsehpräsenz aber auch, und es ist nie soweit ausgeufert, dass es mir geschadet hätte.


Marcel: Hast du die „Lindenstraße“ damals auch regelmäßig im Fernsehen angeschaut?

Johannes: Als fester Darsteller bekommst du regelmäßig die Drehbücher mit den kompletten Geschichten. Zunächst habe ich immer „Toms“ Part durchgelesen und den Text verinnerlicht. Nach und nach blättert man aber automatisch im Drehbuch weiter und erfährt so natürlich auch, was mit den anderen Rollen geschieht. Am Set spricht man in den Pausen mit Kollegen, und in den Büros und anderen Räumen sind Monitore, auf denen die aktuell gedrehten Szenen zu sehen sind. Dadurch war ich immer im Bilde, was in „Lindenstraße“ geschah und musste nicht zwingend jeden Sonntag den Fernseher einschalten.

Lindenstraße - Tom fliegt wegen Doping aus der Hockey-Mannschaft
Tom fliegt wegen Doping aus der Hockey-Mannschaft. – © WDR / GFF

Marcel: Wie war es nach deinem Ausstieg? Hast du die Serie dann noch verfolgt oder brauchtest du einen Schlussstrich?

Johannes: Nach meinem Ausstieg habe ich erstmal einen „Cut“ gebraucht, um zu begreifen, dass all‘ das, was gefühlt schon immer Teil meines Lebens war, plötzlich vorbei ist. Diesen Abstand habe ich gebraucht. Bei den Wiederholungen auf ONE schalte ich eher mal rein, sehe die früheren Kolleginnen und Kollegen, teils dann auch meine Geschichten nochmal. Das fühlt sich, auch nach all’ den Jahren, gut an.

Marcel: Lass uns über die Zeit rund um deinen Serienausstieg reden. Du warst über zwanzig Jahre Teil der „Lindenstraße“. Und dann ist der Zeitpunkt plötzlich absehbar, an dem der Ausstieg kommt. Wie waren diese Wochen für dich?

Johannes: Ich kam von einer Reise zurück nach Deutschland, bekam die Drehbücher und las zum ersten Mal, was sich die Autoren für „Tom“ und seine neue Liebe „Kitty“ ausgedacht hatten. Zu diesem Zeitpunkt stand der Beginn meiner Berufsausbildung zum Kfz-Mechatroniker kurz bevor, und wenn die Autoren nicht ohnehin diese Auswanderergeschichte für „Tom“ geschrieben hätten, wäre ich höchstwahrscheinlich über kurz oder lang mit dem Wunsch selber an sie herangetreten. Während der Berufsausbildung bist du zeitlich nicht mehr so flexibel, wie als Schüler oder später als Abiturient. Wenn ich parallel zur Berufsausbildung weitergedreht hätte, wäre irgendwas auf der Strecke geblieben. Ich hätte der „Lindenstraße“ nicht mehr das geben können, was sie verdient. Der Ausstieg hat mich dennoch auch traurig gemacht, es war aber, so wie sich die Geschichte für „Tom“ entwickelte, die beste und eleganteste Lösung – für ihn und mich.

Marcel: Eine Rückkehr war, dank des offenen Endes, jederzeit wieder möglich.

Johannes: Ich hatte auch noch einen späteren Drehtag – nach dem eigentlichen Ausstieg – an dem mit „Tom“ verschiedene Videochats für seine Eltern aufgezeichnet wurden. So konnte ich „Anna“ und/oder „Hans“ zu Weihnachten und anderen Festen nochmal grüßen. Und 2018 kehrte „Tom“ zur Beerdigung von „Hans“ tatsächlich zurück.

Marcel: Wirst du auch heute noch von Fans der Serie erkannt und angesprochen?

Johannes: Ja, immer mal wieder und an den unmöglichsten Orten, auch trotz Bart und Brille. Daran merke ich, es sind wirklich die echten Fans, die jahrzehntelang „Lindenstraße“ geschaut haben. Sie würden mich vermutlich auch mit gefärbten Haaren erkennen…

Marcel: Du hast deinen ehemaligen Serienkollegen etwas voraus: Du weißt, wie es sich anfühlt, wenn die eigene Rolle endet und man nach vielen Jahren den Drehort für immer verlässt. Diese Erfahrung steht dem aktuellen Ensemble noch bevor…

Johannes: Ich weiß von meiner Filmmutter Irene Fischer („Anna Ziegler“), dass sie sich nach dem Ende der „Lindenstraße“ verstärkt auf’s Schreiben konzentrieren möchte. Sie hat früher Drehbücher für die „Lindenstraße“ geschrieben, ein „Lindenstraße“-Buch (Vorsicht, Dreharbeiten) veröffentlicht und ist ja jetzt auch als Beraterin bei den letzten Drehbüchern im Boot. Durch dieses zweite Standbein als Autorin wird ihr der Weg in die Zeit „nach“ der Serie vermutlich etwas leichter fallen.

Marcel: Welche Serien schaust du aktuell?

Johannes: Ich bin begeistert von der deutschen Netflix-Produktion „Dark“. Diese Geschichte hat mich in ihren Bann gezogen. Nach dem Ende von Staffel 1 habe ich sehnsüchtig auf Staffel 2 gewartet, zwischendurch aber auch nochmal in die ersten Folgen reingeschaut, um den Anschluss zu behalten.

Marcel: „Dark“ war durch seine Zeitsprünge in der Erzählfolge manchmal echt verwirrend….

Johannes: Genau, das war oder ist aber auch der Reiz. Die Serie hat mich echt geflasht. Staffel 2 habe ich an einem Tag komplett geguckt, durch meine Arbeit und die Weiterbildung bleibt momentan leider ansonsten wenig Zeit für Serien. Ich versuche, in der knappen Freizeit meine Freunde zu treffen, erwische mich aber dennoch meist abends beim Blick in die Fachbücher. Eine Serie geht aber immer, weil ich sie einfach liebe: „Die Simpsons“!

Marcel: Da muss man zum Glück nicht chronologisch gucken, die alten Folgen im Mix mit neueren machen immer Spaß…

Johannes: … und ich kann mit den „Simpsons“ gut Sprachen lernen, habe viele Episoden im englischen Original gesehen, kann die meisten Szenen mitsprechen und würde nun gern auch mein Spanisch auf diesem Wege vertiefen.


 

Lindenstraße - Kitty und Tom wandern aus
Kitty und Tom wandern aus. – © WDR / GFF

Marcel: Was war deine erste, selbstgekaufte CD? Welchen Künstler magst du (vielleicht bis heute)?

Johannes: Die erste CD müsste eine Chart-Compilation gewesen sein, als Kind fand ich „The Dome“ immer recht gut. Bei den Bands selbst mag ich die „Beatsteaks“ sehr – Musik ist für mich aber immer stimmungsabhängig, ich habe kein spezielles Genre, das ich favorisiere.

Marcel: Zum Schluss würde ich gerne wissen, wie für dich ein perfekter (freier) Tag aussieht. Was tust du, was tust du auf gar keinen Fall?

Johannes: Zuerst lange mit meiner Freundin ausschlafen und dann zusammen ein opulentes Frühstück genießen. Danach würde ich mich aufs Sofa legen und das Frühstück nochmal sacken lassen, danach eine Runde mit dem Hund drehen und bei meiner Mutti vorbeischauen und fragen, ob ich ihr bei etwas unter die Arme greifen kann. Idealerweise ist dieser freie Tag im Sommer, so dass ich draußen alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad machen kann. Abends dann gerne noch in netter Gesellschaft grillen und den freien Tag ganz gemütlich ausklingen lassen.

Marcel: Ich danke dir für dieses Gespräch!

Johannes: Sehr gern. Danke dir.

Folge uns bei Facebook Folge uns bei Twitter